Dr. rer. nat. Frank Stubenrauch und
Prof.
Dr. Thomas Iftner
Universitätsklinikum Tübingen,
Institut für Medizinische Virologie und Epidemiologie der
Viruskrankheiten,
Sektion Experimentelle Virologie,
Elfriede-Aulhorn-Str.
6, D-72076 Tübingen
Das klinische Erscheinungsbild einer Infektion mit Papillomviren in Form von gutartigen Tumoren der Haut und der Schleimhaut ist der Menschheit schon seit über 2000 Jahren bekannt. Bereits der griechische Arzt Galen beschrieb charakteristische warzenförmige Hautveränderungen im Genitalbereich und die bis heute verwendete Bezeichnung "Condyloma" ist historisch von den Griechen für eine kreisförmige Hautverdickung im Bereich des Anus eingeführt worden. Gegen Mitte des 16. Jahrhunderts wurde dann von Fallopius zur besseren Differentialdiagnose gegenüber den durch Syphillis verursachten flachen Hautveränderungen der Begriff "Condylomata accuminata" (spitze Genitalwarzen) geprägt. Die virale Ätiologie dieser benignen Hauttumoren wurde bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts auf Grund von Freiwilligenversuchen postuliert, bei denen Testpersonen mit filtrierten zellfreien Extrakten von Warzen infiziert wurden und damit neue Warzen induziert werden konnten. Mit Hilfe der Elektronenmikroskopie wurden 1950 schließlich Viruspartikel in Hautwarzen und 1968 in Genitalwarzen nachgewiesen. Bei den identifizierten Partikeln handelte es sich um nicht umhüllte ikosaedrische Viren mit einem Durchmesser von 55nm, die in ihrem Inneren eine doppelsträngige ringförmig geschlossene DNA von ca. 8000 bp Länge enthalten, die mit zellulären Histonen assoziiert ist (Abb. 1a u. 1b).
Die Partikel sind resistent gegen
organische
Lösungsmittel und gegen eine Hitzebehandlung von 56°C und sind
in der Umwelt lange Zeit infektiös. Auf Grund ihrer Morphologie
und
Genomstruktur wurden die Papillomviren als Unterfamilie zusammen mit
den
Polyomaviren in der Familie der Papovaviren zusammengefaßt.
Infektion bewirkt meist benigne Tumoren
Papillomviren zeigen einen strikten
Tropismus
für epitheliale Gewebe. Virusvermehrung findet nur im terminal
differenzierten
Plattenepithel der Haut und der Schleimhaut statt, da einzelne Schritte
der viralen Genexpression und der Virusreifung eng mit dem jeweiligen
Differenzierungsstatus
der Epithelzellen gekoppelt sind. In benignen Tumoren führt die
Virusvermehrung
zwar häufig zu einem zytopathogenen Effekt im infizierten Epithel,
der sich in Form von sogenannten Koilozyten (Zellen mit aufgehelltem
Zytoplasma
und pyknotischem Kern) manifestiert. Es sind jedoch keine Zellnekrosen
oder Entzündungsvorgänge mit der Virusvermehrung
verknüpft,
so daß die Infektion in der Regel vom Immunsystem nicht effizient
erkannt wird. Meist verläuft sie klinisch inapparent und wird vom
betroffenen Individuum nicht wahrgenommen. In einem geringen
Prozentsatz
der primären HPV-Infektionen bilden sich benigne Tumoren der
Schleimhaut
und der Haut aus, die in der Regel nach Monaten bis Jahren spontan
abheilen.
Eine Entartung dieser gutartigen Tumoren ist nur extrem selten zu
beobachten.
Die benignen Tumoren (Kondylome, Warzen, Papillome) weisen histologisch
ein verdicktes Epithel und ausgeprägte Papillenbildung, aber keine
drastisch erhöhten Mitoseraten auf. Deshalb wird angenommen,
daß
die massive Epithelverbreiterung vor allem auf einer verzögerten
Differenzierungsbereitschaft
der Keratinozyten in den Schichten des stratum spinosum beruht.
HPV-Typ bestimmt die Klinik
Die klinischen Krankheitsbilder, die durch die Infektion verursacht werden können, sind häufig charakteristisch für den infizierenden HPV-Typ (Tabelle 1).
Vulgäre Warzen der
Extremitäten
und Plantarwarzen werden vor allem durch die HPV Typen 1, 2, 4, 10, 27,
57 und 65 verursacht. In genitalen Kondylomen und juvenilen
Larynxpapillomen
finden sich dagegen bevorzugt die Typen 6 und 11.
Die in benignen Warzen auftretenden
zytopathologischen
Veränderungen in Form von Koilozyten wurden schon sehr
frühzeitig
auch in den als Präkanzerosen verdächtigten Dysplasien (auch:
zervikale intraepitheliale Neoplasien; abgekürzt CIN) des
Gebärmutterhalses
entdeckt. Zervikale Neoplasien werden histologisch in drei Stufen
eingeteilt,
wobei CIN I eine milde und CIN II eine moderate Dysplasie darstellt.
Als
CIN III wird ein Carcinoma in situ bezeichnet (Abb. 2).
Auf Grund des Verlustes einer geordneten Differenzierungsfähigkeit der Keratinozyten können sich Papillomviren jedoch in prämalignen und malignen Veränderungen des Epithels nicht vermehren. Diese Läsionen sind daher nicht permissiv für die Virusvermehrung und sind einer abortiven Infektionen gleichzusetzen. Dies war auch der Grund, warum in früheren Untersuchungen mit Hilfe der Elektronenmikroskopie in Dysplasien des Gebärmutterhalses keine Viruspartikel gefunden wurden.
HPV und Krebsentstehung
Der entscheidende Durchbruch in der
Papillomvirusforschung
gelang erst mit Hilfe der Molekularbiologie und Gentechnologie. Im Jahr
1980 wurde aus Viruspartikeln Papillomvirus-DNA isoliert und in
bakterielle
Vektoren kloniert. Diese klonierten viralen Nukleinsäuren konnten
als radioaktiv markierte Sonden eingesetzt werden, um eine ganze Reihe
maligner Tumoren des Menschen auf die Anwesenheit von Virus-DNA zu
untersuchen.
Sehr schnell wurde dabei deutlich, daß vor allem Karzinome des
Genitalbereiches
und Hautkarzinome bei Patienten mit einer bestimmten genetischen
Prädisposition
(Epidermodysplasia verruciformis) zu einem hohen Prozentsatz
Papillomvirus-DNA
enthielten.
Heute liegen 82 humanpathogene
Papillomviren
in Form ihrer klonierten DNA vor und mehr als 50 weitere Kandidaten
für
neue Typen sind bereits identifiziert worden. Die 82 klonierten
humanpathogenen
Papillomviren lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen, mindestens 30
genitale Typen infizieren bevorzugt die Haut und Schleimhaut im Bereich
des Anogenitaltraktes, während die restlichen kutanen Typen die
verhornende
Haut außerhalb des Anogenitaltraktes befallen. Von den meisten
der
klonierten Typen ist die Nukleinsäuresequenz bereits
vollständig
entschlüsselt, so daß das komplette Instrumentarium der
modernen
Molekularbiologie zur Verfügung steht, um die Beteiligung von
Papillomviren
bei einer Reihe menschlicher Tumorerkrankungen zu untersuchen.
Das virale Genom wird in drei
Segmente
mit unterschiedlicher Länge und Funktion unterteilt. Der
Kontrollbereich
(NCR für non coding region) entspricht meistens 10% der
Gesamtgenomgröße
und enthält wichtige Steuersequenzen für die
koordinierte
Genexpression und die Replikation des Virus im differenzierenden
Epithel.
Die frühe Region enthält vor allem Gene mit regulatorischen
Genprodukten,
die bei der Virusvermehrung aber auch im Prozess der malignen Entartung
eine wichtige Rolle spielen. In der späten Region finden sich die
zwei Strukturgene des Virus, deren Genprodukte das virale Kapsid
aufbauen (Abb.
1b).
Die Expression der viralen Gene erfolgt
in Abhängigkeit vom Differenzierungsgrad der Keratinozyten im
infizierten
Epithel. So findet man in den basalen Zellschichten des infizierten
Epithels
von Genitalwarzen oder Plantarwarzen nur frühe virale Gene
exprimiert
und es läßt sich keine Replikation der viralen DNA
nachweisen.
Mit zunehmendem Differenzierungsgrad der infizierten Keratinozyten ist
eine steigende Permissivität für die Expression der
Strukturgene
und für die Vermehrung der viralen DNA zu beobachten. In den
obersten
terminal differenzierten Zellschichten sind erstmals reife
Viruspartikel
zu beobachten, die dann mit den abschilfernden Hornschichten in die
Umwelt
freigesetzt werden.
Diese starke Anpassung des viralen
Vermehrungszyklus
an den Differenzierungsstatus der Wirtszelle gestaltete die Suche nach
einem geeigneten Zellkultursystem für Papillomviren
schwierig.
Erst im Jahr 1992 konnte unter Verwendung eines
Haut-Organ-Zellkultursystems
die Produktion von Viruspartikeln in vitro demonstriert werden.
Weiterentwicklungen
dieser Methode ermöglichen nun die detaillierte molekulare Analyse
von Virusgenen und deren Funktion im normalen produktiven
Replikationszyklus.
Das damit erhaltene Wissen soll in naher Zukunft zur Entwicklung von
antiviralen
Therapien eingesetzt werden.
Das einzige derzeit verfügbare Tiermodell
mit dem es möglich ist, singuläre Schritte der Progression
von
benignen Tumoren genau verfolgen zu können, ist die Infektion von
Kaninchen mit dem zu bestimmten humanpathogenen Papillomviren nahe
verwandten
Kaninchenpapillomvirus (CRPV). Infizierte Tiere entwickeln Papillome,
die
in 66-84% der Fälle nach 8-14 Monaten zu invasiv wachsenden
metastasierenden
Tumoren entarten. Weitere Kofaktoren sind für die maligne
Progression
nicht nötig. Mit Hilfe dieses Tiermodells konnten die
primären
Zielzellen von Papillomviren, in Form von epithelialen Stammzellen in
Haarfollikeln,
als diejenigen Zellen identifiziert werden, die wenige Tage nach
Infektion
ausschließlich die viralen Onkogene E6 und E7 exprimierten (Abb.
3 - 5)
Epitheliale Stammzellen stellen offensichtlich auch den Ort der latenten Infektion bei Kaninchen dar. Die experimentelle Infektion von Kaninchen mit suboptimalen Virusmengen von CRPV führt zu einer klinisch inapparenten Infektion des Epithels, die noch nach Monaten durch mechanische Irritation oder durch Bestrahlung der Haut mit ultraviolettem Licht (UV) reaktiviert werden kann. Als Folge der Bestrahlung oder der mechanischen Irritation entwickeln sich aus den zuvor unauffälligen Hautpartien, wahrscheinlich durch eine Aktivierung von latent infizierten Stammzellen, benigne Hauttumoren. Bisher unverstanden sind die zellulären Kontrollmechanismen, die bestimmen, ob primär Tumoren oder latente Infektionen entstehen und die von größtem Interesse auch für das Verständnis der Entstehung und Progression menschlicher Tumoren sind.
High risk und low risk HPV
Bei den Krebserkrankungen im Bereich des Anogenitaltraktes ist eine kausale Beteiligung von Papillomviren schon seit längerer Zeit erkannt worden. In 70-80 % der Karzinome des weiblichen Genitaltraktes findet sich die DNA der als "high risk" Viren bezeichneten Typen HPV16, 18, 45 und 56

so daß eine Infektion mit diesen
Typen einen hohen Risikofaktor für die Entstehung eines Karzinoms
darzustellen scheint. Dagegen verursachen die "low risk" HPV-Typen 6
und
11 hauptsächlich gutartige Tumoren des äußeren
Genitalbereiches
(Kondylome) sowie niedriggradige intraepitheliale Neoplasien (CIN 1)
und
sind nur selten mit Karzinomen assoziiert. Erste Hinweise auf eine
Beteiligung
spezifischer viraler Gene bei der Tumorentstehung ergaben sich aus
Arbeiten
über HPV16- oder HPV18-positive Gebärmutterhals-Karzinome.
Inzwischen
konnten die viralen Gene E6 und E7 von "high risk" genitalen HPV-Typen
als Onkogene verifiziert werden, welche die Zielzellen von
Papillomviren
(Keratinozyten, Epithelzellen der Haut), zu immorta-lisieren
vermögen.
Diese durch E6/E7 immortalisierten Keratinozyten zeigen ein
gestörtes
Differenzierungsmuster in Haut-Organ-Kulturen und können bei
fortgesetzter
Kultivierung maligne ent-arten. Die kontinuierliche Expression der
viralen
Gene E6 und E7 scheint somit eine wichtige Rolle bei der malignen
Konversion
von HPV-infizierten Zellen zu spielen. Dies zeigten auch Experi-mente
mit
HPV-haltigen Zellinien, bei denen die Hemmung der E6/E7-Expression
durch
induzierbare antisense-Konstrukte zu einer Wachstumsinhibition und
einem
Verlust der Tumorigenität in Versuchstieren führte.
Eine relevante Eigenschaft der E6 und
E7 Proteine von „high risk“ genitalen Viren ist ihre Fähigkeit mit
der Funktion von Tumorsuppressor-Proteinen zu interferieren.
Tumorsuppressor-Gene
(tumorunterdrückende Gene) dirigieren den Lebenszyklus von Zellen
(Zellzyklus) und überwachen die komplizierte Abfolge der
verschiedenen
Phasen von der DNA-Synthese bis zur Zellteilung. Nur wenn das
komplizierte
Zusammenspiel von wachstumsfördernden Genprodukten mit den
wachstumsbremsenden
Tumorsuppressorproteinen funktioniert, ist ein reibungsloser Ablauf des
Zellzyklus gewährleistet. Dementsprechend tragen
Tumorsuppressor-Gene
häufig zur Krebsentstehung bei, wenn sie durch Mutationen oder
andere
Einflüsse funktionsuntüchtig werden.
Funktionsverlust von Tumorsuppressor-Proteinen
In den HPV-assoziierten Karzinomen des Gebärmutterhalses ist meist ein gleichzeitiger Verlust der Funktion von zwei bestimmten Tumorsuppressor-Proteinen zu beobachten. Zwei Hauptregulatoren des Zellzyklus, das Retinoblastomprotein (Rb) und verwandte Proteine sowie das p53-Protein (p53) werden durch die Infektion einer Zelle mit einem "high risk" genitalen HPV-Typ ausgeschaltet.
zeigt ein vereinfachtes Modell, wie die Interaktionen von Papillomvirus-Onkoproteinen mit Mitgliedern der Rb-Familie und p53 die Kontrolle des Zellzyklus beeinflussen können. Das Durchlaufen der verschiedenen Stadien des Zellzyklus wird einmal durch die ansteigende intrazelluläre Konzentration von Zyklin-Proteinen vorangetrieben, die nur im Komplex mit zellulären Kinasen aktiv sind. Zusätzlich existieren übergeordnete Regulatorproteine, die sowohl den Übertritt von der späten G1- in die DNA-Synthesephase (S-Phase) als auch die Einleitung der Mitose überwachen. Mitglieder der Retinoblastom-Proteinfamilie (Rb) kontrollieren im Zellzyklus den wichtigen G1-S Übergang. Ohne Phosphatgruppen blockiert Rb den Zellzyklus in der G1-Phase, indem es bestimmte Transkriptionsfaktoren, welche zur E2F-Familie gehören (E2F), die für die Einleitung der S-Phase benötigt werden, einfängt und festhält - der Schalter steht auf "Aus".
Kontrolle des Zellzyklus
Wenn genügend mitogene Stimuli
für
die Zelle vorhanden sind, wird in der späten G1-Phase Rb durch
zelluläre
Kinasen (Zyklin-cdK Komplexe) wieder phoshoryliert, die
E2F-Transkriptionsfaktoren
werden freigesetzt und leiten die Produktion von Proteinen ein, die
für
das weitere Durchlaufen des Zellzyklus nötig sind. Als Konsequenz
geht die Zelle in die S-Phase. Das p53 Protein wird normalerweise nach
Schädigung der zellulären DNA, z.B. durch ionisierende
Strahlen
oder chemische Agenzien, aktiviert und induziert dann Inhibitoren (CKI,
Zyklin Kinase Inhibitoren) genau der Kinasen (ZyklinD,E-Kinase), welche
für die Phosphorylierung von Rb verantwortlich sind. Als
Konsequenz
für das Ausbleiben der Phosphorylierung bleiben die
E2F-Transkriptionsfaktoren
an Rb gebunden und der Zellzyklus arretiert in der G1-Phase, bis die
Schäden
an der DNA durch das zelluläre Reparatursystem behoben sind.
Wird eine Zelle mit HPV16 infiziert,
inaktiviert
das virale E7 Protein Rb durch verschiedene Mechanismen. E7 bindet an
Rb
und führt so zu einer Freisetzung der gebundenen
E2F-Transkriptionsfaktoren
und außerdem zu einer Verkürzung der Halbwertszeit von Rb in
der Zelle. E7 bindet ebenfalls an Zyklin-Kinase-Inhibitoren (p21) und
führt
so zur Produktion von inaktivem Rb-Protein - der Schalter steht auf
"Ein"
und die Zelle leitet die S-Phase ein. Zusätzlich kann in
infizierten
Zellen das E6 Protein einen Komplex mit p53 bilden und dadurch eine
drastische
Reduktion der Halbwertszeit von p53 in der Zelle bewirken.
Telomere fungieren als mitotische Uhr
Zusätzlich zeigen neuere Ergebnisse, daß E6 p53-unabhängig das Enzym Telomerase aktivieren und somit zur Immortalisierung von Epithelzellen führen kann. Die Funktion der Telomerase besteht in der Stabilisierung der Enden von Chromosomen (Telomere) während der DNA Replikation, die aus repetitiven Sequenzen der Abfolge „TTAGGG“ mit einer Gesamtlänge von 10-15 kbp bestehen. In normalen somatischen Zellen kommt es während der DNA-Synthesephase zu einer Verkürzung der Telomere aufgrund der Abhängigkeit des DNA-Polymeraseenzyms von einem zum Replikationsstart benötigten Primermoleküls. Deshalb ist abhängig vom Alter des Organismus eine deutliche Verkürzung der Telomere zu erkennen. Da bisherige Untersuchungen eine Korrelation zwischen einer Telomerlängen von weniger als 8-10 kbp und einem Verlust der Zellteilungsfähigkeit ergaben, kommt den Telomeren die Funktion einer mitotischen Uhr zu. Dieser normalen Verkürzung der Lebensspanne somatischer Körperzellen wirken die Keimzellen von Eukaryonten durch die Aktivität des Enzyms Telomerase entgegen, welches die Verkürzung der Telomere durch das erneute Anhängen von repetitiven Telomersequenzen verhindert.
Konsequenzen der HPV-Infektion für die Zelle
Als Konsequenz einer HPV-Infektion könnte es somit zu einer permanten Proliferation der Zelle kommen, die auf Grund des Defektes in der Funktion von p53 nicht mehr in der Lage ist, auf Schädigungen der DNA mit einem Anhalten des Zellzyklus oder mit der Auslösung des programmierten Selbstmordes (Apoptose) zu reagieren. Neueste Befunde unserer Arbeitsgruppe weisen außerdem darauf hin, daß das E6 Protein von einigen Papillomviren auch direkt mit Komponenten des DNA Reparatursystems interagiert und diese somit in ihrer Funktion negativ beeinflussen könnte. Im Laufe der Zeit erwirbt deshalb eine persistent infizierte Zelle durch schädigende Umwelteinflüsse immer weitere Ausfälle von wichtigen zellulären Kontrollgenen, welche entscheidend die maligne Progression einer infizierten Zelle vorantreiben können.
Verbesserte Möglichkeiten der Früherkennung
So faszinierend dieses bessere
Verständnis
der Ätiologie des Zervixkarzinoms ist, so wenig relevant mag es
andererseits
für den klinischen Alltag erscheinen. Frühe klinische Studien
mit diagnostischen HPV-Testsystemen mangelhafter Spezifität
führten
in der Vergangenheit oft zu dem Schluß, daß eine
verbesserte
klinische Aussage bei unklarer zytologischer Verdachtsdiagnose auf das
Vorliegen genitaler Neoplasien durch eine HPV-Testung nicht zu
erreichen
wäre. Doch diese Schlußfolgerung erscheint bei
gründlicher
Sichtung neuerer Forschungsergebnisse, die auf wesentlich verbesserten
HPV-Nachweismethoden basieren (PCR-Diagnostik; Verwendung von
RNA-Sonden
in der Routine-Diagnostik), als zumindest voreilig.
Die Krebsfrüherkennung
mittels
zytologischem Abstrich nach Papanicolaou hat zwar in den meisten
Ländern,
in denen sie eingesetzt wird, zu einem Rückgang der Inzidenz und
der
Mortalität des Zervixkarzinoms geführt, jedoch ist in der
Regel
gleichzeitig eine steigende Häufigkeit der hochgradigen
Präkanzerosen
zu verzeichnen. Weltweit ist es in keiner, der regelmäßig
durch
ein zytologisches Präventivprogramm erfaßten Subpopulationen
gelungen, das Auftreten des invasiven Zervixkarzinoms vollständig
zu verhindern. In bestimmten Ländern steigt die Inzidenz sogar in
einigen Altersgruppen wieder an. 1990 wurden in der EU 24600 neue
Fälle
von Gebärmutterhalskrebs registriert (5-Jahres Überlebensrate
50-60%) und 12900 durch das Zervixkarzinom-assoziierte Todesfälle.
Weltweit erkranken 500 000 Frauen jährlich neu an einem
Zervixkarzinom
und besonders in den Entwicklungsländern ist diese Krebsart eine
der
häufigsten Todesursachen mit 200 000 Fällen weltweit. Diese
Zahlen
wären für die europäischen Länder sicherlich um ein
Vielfaches höher, wenn nicht bereits effektive
Vorsorgeuntersuchungen
basierend auf zytologischen Verfahren (Pap-Abstrich) angewendet
würden.
Trotzdem waren z.B. nahezu zwei Drittel aller am Zervixkarzinom
verstorbenen
Patientinnen unter 45 Jahren aus Schottland vor Diagnosestellung in
regelmäßiger
gynäkologischer Betreuung und ihre Abstriche waren als
unauffällig
klassifiziert worden. Bei der Nachtestung solcher falsch-negativer
Abstriche
auf die Anwesenheit von HPV-DNA, konnten in bis zu 90% der archivierten
Präparate die "high risk" HPV-Typen 16 oder 18 bis zu 6 Jahre vor
der Diagnosestellung nachgewiesen werden. Auch bei Risikogruppen, wie
HIV-Infizierten
oder anderen immunsupprimierten Individuen, bei denen häufig eine
besonders rasche Progression zu beobachten ist, zeigte sich der
HPV-Test
eindeutig sensitiver zum rechtzeitigen Nachweis von Neoplasien als die
konventionelle Zytologie. Da derzeit keine soliden epidemiologischen
Daten
von ausreichend großen Populationen vorliegen, rechtfertigen
diese
Ergebnisse sicher noch kein generelles, um die HPV-Testung erweitertes
Screening als Vorsorgemaßnahme; sie zeigen aber andererseits,
daß
ein solches Konzept in näherer Zukunft nicht auszuschließen
ist. Schon jetzt ergeben sich Einsatzmöglichkeiten für einen
HPV-Test bei zytologischen Problemfällen, wie Pap IIw/k, Pap III
und
Pap IIId. In der in Deutschland üblichen Münchner
Klassifikation
zytologischer Befunde ist der Pap III ein diagnostischer Problemfall,
da
hier zytologisch zwischen inflammatorischen, aktinischen und
neoplastischen
Veränderungen nicht differenziert werden kann und das Vorliegen
eines
invasiven Karzinoms nicht auszuschließen ist. Der auf einem
zytologischen
Befund basierende Verdacht auf das Vorliegen geringer oder
mäßiggradiger
Dysplasien der Zervix wird nach der Münchner Nomenklatur als
PapIIId
klassifiziert. Diese Befunde finden sich am häufigsten bei 20-30
jährigen
Frauen mit zumeist noch nicht abgeschlossener Familienplanung. Mehr als
die Hälfte dieser Präkanzerosen bildet sich spontan
zurück
(Abb.
7),
andererseits finden sich bei einer zusätzlichen histologischen Abklärung in ungefähr einem Viertel der Fälle bereits schwere Dysplasien oder ein Carcinoma in situ, ausnahmsweise auch ein mikroinvasives Karzinom (ca. 0,5% der Fälle; siehe Abb. 8 u. 9).
Hieraus ergibt sich das Dilemma, entweder eine Vielzahl von Patientinnen unnötigerweise einer invasiven Therapie mit möglichen späteren Komplikationen wie Zervixinsuffizienz, Infertilität, oder Hämatometra zuzuführen oder aber die Entstehung eines invasiven Zervixkarzinomes zu übersehen. Hier bietet ein zusätzlicher HPV-Test die Möglichkeit Pap IIId Befunde differenzierter einschätzen zu können, da der Nachweis von "high risk" HPV Typen, insbesondere von HPV16, mit einem raschen Progressionsrisiko einhergeht und bei zytologisch unterschätzten schweren Dysplasien und Carcinomata in situ in der Regel gelingt. Somit erbringt die heutige Möglichkeit der HPV-Typisierung einen zusätzlichen früh abfragbaren objektiven Parameter für eine verbesserte Identifizierung von falsch-negativen oder -positiven Pap-Patientinnen, die einer raschen Abklärung bedürfen.
Papillomviren und Hautkrebs
Neben der heute als gesichert geltenden kausalen Beteiligung von humanpathogenen Papillomviren an der Entstehung von anogenitalem Krebs häufen sich in jüngster Zeit die Hinweise auf eine Beteiligung von Papillomviren bei der Genese des nichtmelanozytären Hautkarzinoms, welches eine der häufigsten Krebsarten in der kaukasischen Bevölkerung darstellt. Bereit seit langer Zeit gilt eine Beteiligung von bestimmten Papillomviren (wie HPV5, 8) an der Entstehung von Hautkarzinomen bei Patienten mit der sehr seltenen Erkrankung Epidermodysplasia verruciformis als weitgehend gesichert. Ebenso ist bekannt, daß eine langandauernde Immunsuppression auf Grund einer Organtransplantation nicht nur zu einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber HPV-induzierten Hautwarzen führt sondern, daß diese Patienten auch an einer erhöhten Inzidenz von Hautkarzinomen 10-15 Jahre nach Beginn der Immunsuppression leiden. In neueren Untersuchungen wurde in ca. 60% dieser Hautkarzinome die DNA von humanen Papillomviren entdeckt, wobei in großer Anzahl bisher unbekannte Typen erstmals identifiziert wurden. In eigenen Arbeiten konnten wir in einer Studie mit über 600 Fällen auch in Hautkarzinomen von nicht-immunsupprimierten Individuen und in Präkanzerosen (aktinische Keratosen, Morbus Bowen) HPV-DNA nachweisen, wobei das gefundene Spektrum sowohl neue HPV-Typen als auch "high risk" genitale Typen und bereits bekannte HPV-Typen, wie HPV4, umfaßt.
Ausblick
Es gilt heute als gesichert, daß bestimmte HPV-Typen ursächlich mit der Entstehung von Karzinomen des Anogenitalbereichs in Verbindung stehen. Neuere Daten weisen nun daraufhin, daß humane Papillomviren ebenfalls an der Entstehung des nicht-melanozytären Hautkarzinoms beteiligt sein könnten. Diese Daten lassen eine Entwicklung von antiviralen Wirkstoffen oder einer Vakzine wünschenswert erscheinen. In der Tat erlaubt die genetische Stabilität der einzelnen Virustypen und die geringe Anzahl viraler Gene die Entwicklung einer erfolgreichen antiviralen Vakzine. In Tiermodellen konnten bereits eine erfolgreiche Wirkung von prophylaktischen und therapeutischen Vakzinen demonstriert werden, wobei jedoch die zugrundeliegenden Wirkmechanismen zum Teil unverstanden sind. Als wirksames virales Antigen für eine prophylaktische Vakzine wurden die Kapsidproteine identifiziert, die meist in Form von von virusähnlichen Partikeln angeboten werden, da hauptsächlich Konformationsepitope erkannt werden. In klinischen Studien werden zur Zeit z.B. Partikel aus dem L1 Protein bestehend aber auch Partikel mit chimären L1 Proteinen, welche zusätzlich Teile von frühen Genprodukten enthalten, verwendet. Um zu einer deutlichen Reduktion der Inzidenz von Zervixkarzinomen und hochgradigen Präkanzerosen zu gelangen sind jedoch multivalente Vakzinen notwendig, die einen Schutz vor einer Infektion mit bis zu 15 verschiedenen HPV-Typen leisten müssen. Mit einer gründlichen Beurteilung der Wirksamkeit solcher multivalenten Vakzinen ist aufgrund der Latenzzeit der HPV-induzierten Erkrankungen und der aufwendigen klinischen Studien nicht vor 5-10 Jahren zu rechnen. Zusätzlich bleibt zu hinterfragen, wie groß die Akzeptanz einer prophylaktischen Vakzine in der Bevölkerung ist und ob die damit verbundenen Kosten für unser Gesundheitssystem finanzierbar sind. Die Entwicklung von antiviralen Wirkstoffen, die nicht unter demselben Akzeptanzproblem leiden, da sie nur bei akuter Erkrankung zur Anwendung kommen, erfordern eine genaue Kenntnis des viralen Vermehrungszyklus, welcher bisher experimentell in vitro nicht untersucht werden konnte. Die Kombination von moderner Molekularbiologie und Entwicklung von produktiven Zellkultursystemen für humane Papillomviren lässt hoffen, daß in den nächsten Jahren spezifische antivirale Medikamente identifiziert und getestet werden können.
Literaturangaben
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zur Hausen H (1996). Papillomavirus
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